HINWEIS: Es finden momentan keine Gottesdienste und kirchliche Veranstaltungen statt. Pfarrer Herr Scheytt-Stövhase ist telefonisch (07161/37111) oder gerne per mail: Dietmar.Scheytt-Stoevhasedontospamme@gowaway.elkw.de weiterhin erreichbar.

 

 

6. Sonntag der Passionszeit – Palmsonntag                               5. April 2020

 

Der Menschensohn muss erhöht werden,

damit alle, die an ihn glauben,

das ewige Leben haben.

 

 

Johannes 3, 14.15

 

Liebe Gemeindeglieder,

in meinen Kindheitserinnerungen spielt der Palmsonntag, der jetzt vor uns liegt, eine besondere Rolle. Zum einen gab es bei uns den lustigen Brauch, den letzten in der Familie, der aufstand, einen Tag lang „Palmesel“ nennen zu dürfen. Da ich schon damals ein Frühaufsteher war, traf es immer eine meine beiden Schwestern und was gab es für einen kleinen Jungen Schöneres, mit gutem Gewissen seine Schwestern ärgern zu dürfen. Zum anderen faszinierte mich schon damals die biblische Geschichte, die mit dem Palmsonntag verbunden ist: Jesus zieht auf einem kleinen Esel in Jerusalem ein. Die Leute nehmen Jesus begeistert auf, jubeln ihm zu und streuen Palmzweige auf seinen Weg. Sie feiern ihn als den von Gott verheißenen Messias und erwarten nun, dass er sie von der Herrschaft der Römer befreit. Als Jesus das nicht tut und sein Messiasamt ganz anders versteht, wenden sie sich von ihm ab und rufen ein paar Tage später: „Kreuzigt ihn!“  

Für mich als Kind damals war das Wunderbarste an dieser Geschichte, wie Jesus zu dem Esel kam, mit dem er in die Stadt einritt. Er beauftragte nämlich zwei Jünger, das Eselfohlen aus einem nahegelegenen Dorf zu holen, wo es angebunden stand.

Meine Kinderphantasie malte sich aus, wie Jesus mit hellseherischen Fähigkeiten ausgestattet um die Ecke schauen und Dinge sehen konnte, die andere nicht wahrzunehmen im Stande waren. Solch einem Jesus wollte auch ich vertrauen. Einen solch Starken wollte ich an meiner Seite haben und ihm mein Herz schenken.

Wahrscheinlich gehörte ich in diesem Augenblick zu denjenigen, von denen Jesus einmal sagte: „Lasst die Kinder zu mir kommen, denn ihnen gehört das Reich Gottes!“. Mit meinen Kinderaugen sah ich tiefer als manch vernünftige Erwachsene, die sich mit all ihren Lebenserfahrungen abgeschottet hatten von diesem einfältigen Blick auf das, was wir „Wirklichkeit“ nennen. Heute ringe ich darum, mir diesen unverstellten Blick des Vertrauens zu bewahren gegen alle „Ich glaube nur, was ich sehe“-Mentalität. Ja, Jesus weiß, was in dieser Welt geschieht. Er sieht mehr und tiefer als wir Menschen und kennt die Zusammenhänge, die uns verborgen bleiben. Und er hat alles in seiner Hand, es gibt keine andere Macht, die stärker ist.

Das macht mir Mut und Hoffnung, gerade in diesen Tagen. An diesem kindlichen Vertrauen will ich festhalten, auch wenn manche es belächeln.

Jetzt als Erwachsener hat der Esel für mich noch eine andere Bedeutung, die ich als Kind nicht erfassen konnte. Jesus entscheidet sich ganz bewusst für das Arme-Leutetier Esel. Ein störrisches Lasttier für den König aller Könige. Eigentlich völlig ungeeignet. Aber so ist Jesus. Er möchte nichts Besseres sein, er gehört auf die Seite derer, die arm und einfältig sind. Die von den anderen nicht ernst genommen werden, weil sie nicht viel besitzen und naiv auf Gott vertrauen. Ich finde mich selbst mitten in der Geschichte. Auch ich bin manchmal nicht mehr als ein Lasttier namens Mensch. Auf meinem Rücken stapeln sich Sorgen, Pläne, Wünsche. Manche Lasten trage ich schon eine Weile mit mir herum: Die Aufgaben und Ansprüche, die mich oft an meine Grenzen bringen. Die Sorge um Menschen, die mir wichtig sind. Manche Lasten sind mir vielleicht schon so vertraut geworden, dass ich sie schon gar nicht mehr als Last wahrnehme: Sicherheiten, die ich mir aufgebaut habe und die ich auch gerne behalten möchte. Gewohnheiten, die mir mehr schaden als nutzen. Ich bin ein Lasttier, und nicht einmal ein gutes. Mit all diesen Lasten komme ich mir genauso ungeeignet vor für diesen König Jesus.

Und doch hat mich Jesus genauso ausgewählt wie damals den kleinen Esel. Ich stelle mir vor, wie das Fohlen auf seinen dürren Beinen ungelenk herumstakste und vielleicht am liebsten seine Last losgeworden wäre. Wie das Eselchen immer wieder Halt machte und begann, an den vielen Zweigen zu knabbern, die die Volksmenge vor ihm auf den Boden streute. Und wie Jesus viel Geduld hatte, ihm gut zusprach, bis es sich von seiner warmen Stimme überzeugen ließ und  von seinem Eigensinn ablassen konnte. Genauso geht Jesus auch mit Ihnen und mir um! „Gnädig und barmherzig ist der Herr, geduldig und von großer Güte!“ (Psalm 145,8). Am Ende, und das ist wohl das größte Wunder, nimmt Jesus selbst die Rolle des Esels ein. Er wird zum Lastträger für uns und trägt die Schuld der Menschen ans Kreuz von Golgatha. Der Jesus, der den Esel als Reittier erwählt hat, ist derselbe, der sagt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“

Ich wünsche Ihnen ein in Gott erfülltes Wochenende

Ihr Pfarrer Dietmar Scheytt-Stövhase